Scheilana & Julien

Leseprobe

Leseprobe “Der Junge und das Mädchen”
Er starrte auf das Schaufenster. Kinderspielzeug, Plüschtiere, Katzen, Bären und andere Tiere.
Tränen rannen aus seinen Augen. Seine Hand krampfte sich um einen Stofffetzen. Nur wegsehen,
nur weg. Er rannte davon so schnell er konnte.
Keuchend blieb er irgendwo stehen. Er schaute sich um. Ja er war ganz in der Nähe seiner Müllkippe. Langsam ging er zu ihr hin. Hausmüll, Schrott und Anderes. Er ging durch das Gras und stieg auf den Dreck zu seinem Schlafplatz, eine Hütte aus Holzlatten und Plastik. Im Inneren lag eine Matratze mit einer schmutzigen Decke auf ihr, alte Töpfe und Blechdosen.
Er setzte sich auf die Matratze, nahm ein Stück Brot aus einem Topf, biss ab und kaute auf der trockenen Masse herum.
Es raschelte in einer Ecke, eine Ratte. Sie äugte vorsichtig hin und her und kam dann hervor.
“Willst du auch ein Stückchen Brot?” Der Junge brach etwas ab und bröselte es auf die Decke. Die Ratte kam heran auf die Matratze und aß ebenfalls. Der Junge kannte sie sehr gut, er kannte viele Ratten, mehr Ratten als Menschen. Diese hatte einen weißen Fleck über dem linken Auge.
“Plüschtiere, kennst du Plüschtiere?” fragte der Junge. Er streichelte der Ratte über den Rücken.
“Nein sowas braucht ihr nicht.” Er fing wieder an zu weinen. “Das Spielzeuggeschäft dort in der Stadt.” Er griff nach dem Stoffetzen. “Wie das wohl ist? Kinder gehen mit ihren Eltern da rein, ich habe es schon gesehen, schon oft gesehen. Sie gehen da rein und kaufen sich Katzen. Nein keine richtigen, Plüschkatzen.”
Die Ratte hatte ihre Krümel verspeist, lief los und war verschwunden. Der Junge schaute umher, sein Gesicht war starr, die Tränen rannen immer noch. Blicklos drehte er den Kopf, tiefer Schmerz und tiefe Angst.

Hellichter Morgen. Der Junge wachte auf, streckte Arme und Beine, rieb sich die Augen und gähnte. Er stand auf und ging aus seiner Hütte, verließ die Müllkippe. Er schlenderte die Straßen entlang zu dem Hinterhof eines Supermarktes. Er öffnete die Mülltonnen und suchte nach Eßbarem. Ein paar fast schwarze Bananen, Wurst, Brot und noch Einiges. Es war immer genügend da, manchmal angeschimmelt und etwas stinkend, aber reichlich. Er stopfte alles in eine Plastiktüte und ging zu einem nahegelegenen Park.
Außer ein paar Kindern war niemand da. Er setzte sich auf eine Bank und breitete sein Frühstück aus. Er schälte sich eine Banane, entfernte das Faule und aß den Rest.
Ein Mädchen kam auf ihn zu. “Ich habe dich hier schon öfters gesehen. Darf ich mich zu dir setzten?” Er nickte. Sie setzte sich auf das freie Ende der Bank und schaute auf die ausgebreiteten Sachen. “Du hast aber viel zu essen mit,” staunte sie. “Du kannst dir was nehmen wenn du Lust hast.” Sie nahm sich eine Banane und eine Tüte Kakao. Schweigend aßen die beiden.
“Mein Name ist Marion,” sagte sie schließlich, “und wie heißt du?”
“Junge,” er blickte sie an, unsicher und trotzig.
“Junge, das ist doch kein Name.” “Das ist mein Name, einen anderen habe ich nicht, und will ich nicht.” “Wollen wir schaukeln?” Sie standen auf und liefen zu dem Spielplatz. Ein Sandkasten, ein Klettergerüst, Wippen und Schaukeln. “Kannst du abspringen?” fragte Marion. Der Junge nickte.
“Mal sehen wer weiter kann.” Sie schaukelten mit vollem Schwung und sprangen gleichzeitig ab. “Gleichweit, du kannst das aber gut, ich bin sonst die Beste.” Der Junge sah sie an. “Du bist aber komisch,” meinte sie. “Sprichst du immer so wenig?” Er nickte Sie gingen über die Wiese zu einem Springbrunnen. Der Junge stieg hinein und ließ sich von der Fontäne duschen. Marion kicherte. “Du bist ganz schön mutig, wird dich niemand ausschimpfen wenn du mit nassen Klamotten nach Hause kommst?” Sie zog sich die Schuhe und Socken aus und stieg auch in den Brunnen, blieb aber am Rand, das ihre Kleidung nicht nass wurde.
“Mich schimpft niemand aus,” er tauchte unter das Wasser, rubbelte sich Gesicht und Haare und tauchte wieder auf. “Niemand macht das, niemand.” “Ja, ja, ich glaube es dir ja.” Sie gingen zurück zu dem Spielplatz und setzten sich in den Sandkasten. “Schön, dass Ferien sind, nicht wahr? In welche Schule gehst du?” “Ich gehe in keine Schule.” “In keine Schule, das gibt es doch nicht, hast du denn keine Eltern die dich hinschicken?” “Ja du hast recht, ich habe keine Eltern.”
Sie sah ihn verwundert an: “Keine Eltern und wo wohnst du?” “Auf der Müllkippe.” Marion sah den Jungen an. “Ich dachte mir schon sowas. Wohnst du da ganz alleine?” “Ja, nur ich und die Ratten.” Sie bauten eine Sandburg. “Ich weiß nicht,” sagte sie, “manchmal möchte ich auch alleine wohnen, aber nachts, ist das nicht unheimlich?” Der Junge zuckte zusammen und kämpfte mit seinen Tränen. “Ist schon gut,” sagte sie, “dir ist es also auch unheimlich alleine.” Er stand auf. “Ich muß jetzt gehen.” “Tschüss, sehen wir uns morgen? Ich bin wieder hier.” “Ja vielleicht, Tschüss.” Er rannte davon.
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